Reisebericht: Trailritt durch die Serra Catarinense
November 2006
von Jacqueline Jagusch
Strahlend blauer Himmel, Wolken zum Greifen nah, grüne Wiesen, steinalte Araukarien und Weite, Weite nichts als Weite...
Doch fangen wir von vorne an: Es ist früh am Morgen und der Nebel liegt noch über der Fazenda do Barreiro, im Hochland des Bundesstaates Santa Catarina in Südbrasilien. Auf dem Gelände der 1782 von Capitao portugues José Joaquim Pereira erbauten Fazenda herrscht Stille. Noch etwas müde schlurfen wir sechs angehenden Trailreiter Richtung Kaffee-Quelle im Frühstücksraum, der vormals ein geräumiger Kuhstall war. Nach einem reichhaltigen Frühstück werden die Packtaschen auf die Pferderücken geschnallt, die Rolle mit dem Regenponcho festgeschnürt und der Sitz der neu erworbenen Gaucho-Hüte geprüft. Die Sonne schiebt sich unaufhaltsam durch den Nebel als Elson, einer der Gauchos der Fazenda, unsere Pferde aus dem Stall führt.
Elson ist ein erfahrener Gaucho und wird uns sechs Reiter ortskundig von Fazenda zu Fazenda lotsen. Er führt zwei Ersatzpferde am Zügel, als der kleine Trupp die Fazenda do Barreiro verlässt. Pferd und Reiter konnten sich zuvor zwei Tage lang bei kleineren Ausflügen ins Umland der Fazenda miteinander vertraut machen. Pferde, Zügel und Sättel wurden den Bedürfnissen der Reiter angepasst und so sind alle, Anfänger und Profi, bereits richtig sattelfest.
Es geht querfeldein, Hügel rauf und runter, durch Bäche und Büsche und immer wieder beeindruckt uns die Landschaft durch ihre Stille und Weite.
Die Pferde sind ausgeruht, entspannt und lauffreudig. Trittsicher und auch ohne Einmischung des Reiters tragen alle Pferde ihre fragile Last zur ersten Einkehr dieses Ritts. Herzliche Menschen empfangen uns durstige und hungrige Reiter. Die Sonne steht hoch am Himmel und das angebotene kühle Bier kommt genau zur rechten Zeit. Während die Pferde im Stall pausieren, schlagen wir uns den Bauch mit den angebotenen Köstlichkeiten voll. Besonders der selbstgemachte Käse findet größtenteils reißenden Absatz. Nach der Rast brechen alle gestärkt und ausgeruht zur nächsten Etappe auf.
Am Nachmittag überrascht uns ein Gewittersturm. Schnell in die Ponchos geschlüpft, Kragen hochgestellt und Hüte ins Gesicht gezogen. Wir sehen aus wie die Reiter der Apokalypse.
In Anbetracht der Wetterlage drücken alle auf´s Tempo und erreichen mit wehenden Umhängen schließlich die nächste Fazenda. Dort werden wir sehr herzlich und fürsorglich empfangen. Der Blitz hat die Stromversorgung unterbrochen und die 200 Jahre alten Gemäuer werden von großen Kerzen in allen Zimmern erleuchtet. Jetzt stellt sich so richtig das Gefühl einer Zeitreise in die Vergangenheit ein. Die Ahnengalerie in der Guten Stube erzählt von längst vergangenen Tagen und der auf Hochglanz polierte Holzboden birgt ein schauriges Geheimnis: Unter den Flurdielen gibt es ein Versteck aus Revolutionszeiten, in dem Frauen und Kinder vor den Angreifern versteckt wurden - dort unten ist es dunkel und eng.
Der servierte Begrüßungscachaca vertreibt die Müdigkeit aus den gut durchgeschüttelten Knochen und das frische, leckere und reichhaltige Abendessen tut sein übriges.
Zu guter letzt zeigt sich die Sonne noch einmal kurz über dem Horizont und breitet ein farbintensives Untergangszenario über die Weite der Serra Catarinense. Welch ein Ausblick!
Nach einer gemütlichen Nacht in gepflegten, urig eingerichteten Zimmern und einem üppigen Frühstück schwingen wir uns wieder in die Sättel. Zur Mittagszeit kündigt sich Regen an. Auf der Ziel-Fazenda angekommen erwartet uns ein zünftiges Churrasco mit Rind, Schwein und Hühnchen. Da die Wolken immer dichter werden, funktionieren wir die Gute Stube kurzfristig zur Spielhölle um und der Tag endet mit feucht-fröhlichen Würfel- und Kartenspielen.
Die Stille und Abgeschiedenheit in der die Menschen hier leben wird besonders deutlich, als wir erfahren, dass der nächstgelegene Supermarkt 80 Kilometer weit weg ist.
Am nächsten Morgen zeigt sich die Sonne am Himmel und es geht gut gelaunt, hoch zu Ross weiter.
Die nächste Begegnung mit der "guten alten Zeit" lässt nicht lange auf sich warten: der Corridor der Tropeiros. Dieser von Steinmauern gesäumte Korridor führt aus dem tiefen Süden Brasiliens über 1700 Kilometer weit bis nach Sao Paulo. Rinder- und Maultierherden wurden auf diese Weise Richtung Norden, zum Verkauf getrieben. Heute existiert nur noch ein Bruchteil dieser Strecke, doch die alten Gemäuer vermitteln das Gefühl abenteuerlichen Gaucholebens.
Wir folgen dem Korridor ein gutes Dutzend Kilometer. Unterwegs bricht dann das Edelsteinfieber aus: An einer steilen Stelle werden Bergkristalle aus dem Hang gespült und von uns mit fiebrig glänzenden Augen hastig in die Packtaschen gestopft. Ein tolles Andenken!
In den Wiesen stehen Rehe, eine stattliche Echse flüchtet in rasantem Tempo über die Wiese und Adler kreisen in luftigen Höhen. Zu Pferd kann man erstaunlich nah an die Wildtiere heran kommen. Allerdings macht es uns Teilzeit-Gauchos genauso viel Spass, die ein oder andere Kuhherde als Übungsobjekt zu nutzen. Gar nicht so einfach. Selbst die zwei mittlerweile freilaufenden Ersatzpferde lassen sich nicht so leicht in Schach halten, wie es Elson vormacht. Also: Üben, üben, üben.
Aufmerksame und besonnene Pferde tragen uns unermüdlich weiter bis in eine tiefe Schlucht. Dort muss ein Fluss überquert werden.
Bis zum Bauch steht den Pferden das Wasser und die Strömung ist recht ordentlich. Doch unsere Teampartner lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und tragen uns sicher ans andere Ufer. Dann geht es wieder steil bergauf. Oben angekommen senkt sich bereits die Dämmerung über das Hochplateau. Ein Gürteltier hat uns zu spät bemerkt und saust erschrocken in das Loch einer Steinmauer. Glühwürmchen tanzen schon durch das Gras als wir die Lichter der Fazenda in der Ferne zu sehen. Im Stall angekommen, begrüßt uns ein fröhliches Stimmengewirr. Das Lagerfeuer brennt, das Bier ist kalt und der Enkel des Fazendeiro greift in die Tasten seines kleinen Schifferklaviers. Alle scharen sich ums Feuer und es wird gelacht, gesungen und getrunken. Auch hier fallen Abendessen und Frühstück wieder üppig und schmackhaft aus.
Am nächsten Tag geht es wieder Richtung Heimat-Fazenda. Das Wetter spielt mit, die Sonne scheint. Gemütlich setzen sich Pferd und Reiter in Bewegung, natürlich nicht, ohne sich herzlich von den lieben Menschen der Fazenda zu verabschieden.
Nach einem Zwischenstopp zum Mittagessen setzen alle den Weg zur Fazenda do Barreiro fort. Es geht noch einmal über Hügel, durch Täler und später, durch dichtes Buschwerk.
Als wir unsere Fazenda erreichen dämmert es bereits und die Lichter leuchten uns einladend den Heimweg. Der Wind frischt auf und noch bevor die dunklen Wolkentürme ihr Wetterleuchten entladen, erreichen alle wohlbehalten die Fazenda. Die Pferde werden gebührend gelobt und verabschiedet. Sie dürfen sich die nächsten Tage ungestört auf den weitläufigen Wiesen erholen. Wir Reiter erholen uns im Haupthaus der Fazenda bei einem kühlen Bier und deftigem Churrasco und lassen die vielen Erlebnisse Revue passieren.
Der nächste Abend ist unser letzter. Doch verspricht ein verlockendes Angebot ein unvergessliches Erlebnis: eine Fahrt zu einem echten Gaucho-Rodeo! Wir sind begeistert und schwingen uns mitsamt zahlreicher Schaffelle auf die Ladefläche des Transporters. Es geht nach Urupema, Brasiliens kältester Stadt. Dort finden wir das echte Gaucho-Leben: Vorwiegend Männer in der typischen Tracht der Gauchos fangen auf einer langen Rodeobahn Büffel mit dem Lasso. Ein Job für echte Kerle! Anfangs werden wir neugierig beäugt, da wir die einzigen Touristen sind. Doch auch hier sind die Menschen freundlich und aufgeschlossen.
Wir werden Zeuge dieses großen Gaucho-Treffens, denn jeder kennt jeden und wir sind mittendrin.
Als wir nach Hause fahren, ist die Stimmung riesig und beim heutigen Gaucho-Fest auf der Fazenda do Barreiro schwingen fast alle noch einmal die müden Hufe zur traditionellen Gaucho-Musik.
Mit dem Ende des Festes klingt für uns eine aufregende Woche echten Gaucho-Lebens aus....
Até a proxima vez! - Bis zum nächsten Mal!
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